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25. Juni: Am Nachmittag
gegen halb fünf treffen sich einige Schaulustige vor meinem Haus und schenken mir so unentbehrliche
Reiseutensilien wie ein Zigarettenetui, einen Bleistift, einen Kamm, Kuchen,
Globuli
Ich starte 17 Uhr, fahre noch bei Mama vorbei. Beim
Überholen auf der Autobahn treffe ich zufällig auf Nachbarn
(einstige Ukulele-Schüler). Abends treffe ich bei meinen
Freunden Jörg und Astrit in Gellmersdorf (Uckermark) ein. |
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27. Juni. Drei Minuten
vor dem 4:1 zwischen Deutschland gegen England (WM) - kurz vor 17:45 Uhr, legt
die Fähre ab und unterbricht zum Verdruss der Fußballfreunde die
Direktübertragung für die üblichen Ansagen. Den großen
Jubel am Ende verpassen die deutschen Passagiere
Der Himmel ist
blau, ein laues Lüftchen auf der fast spiegelglatten Ostsee. Ankunft
in Trelleburg und Weiterfahrt Richtung Malmö,
Westküste. Ich folge einfach einem Schild "Kämpering", wie sich
dann herausstellt, ist es ein Ortsname (und kein Wegweiser zum
Campingplatz)
Ich finde aber bald ein Jedermannsrecht-Plätzchen
in der Bucht von Skanor (25 km südl. Malmö) es dämmert schon
seit der Landung. Der Vollmond geht
auf, der Himmel im Norden leuchtet die ganze Nacht dunkelrot. Die schwedischen
Mücken werden ihrem bissigen Ruf gerecht, besonders an diesem stehenden
Gewässer, wo Fischerboote ankern und Schwäne still durch die Nacht
schwimmen. Auf einer weggeworfenen Zigarettenschachtel steht "Rökning
dödar" - Rauchen tötet
Immerhin vertreibt es die Mücken etwas, den Rest hält "Antibrumm" von den
Füßen und Händen ab. |
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29. Juni: Ich fahre
zur Insel Öland, über eine mehrere Kilometer lange Brücke,
dann Richtung Norden. Vor dem größten Ort der Insel liegt die
Ruine eines großen, mittelalterlichen Schlosses (12.
Jahrhundert), die Einfahrt zur Ruine ist ein Feldweg und die Kühe betrachten
ihn als ihre Reservoir. Ich halte nach einem Zeltplatz Ausschau,
finde aber vor allem nur Ansammlungen von Wohnwagen, teils in der
Größe von Bussen, die älteren Ehepärchen hocken neben ihrer Wagenburg mit
Satelittenschüssel etc.
Ich fahre weiter und lande im nördlichsten Ort der Insel Byxelkrock,
von dort zum "Langen Erich", einem alten Leuchtturm, 100 Kilometer
Landstraße, um einen Leuchtturm zu sehen, und für etwas Einsamkeit... Ich suche und finde schließlich ein geschütztes Fleckchen, wo
ich das sogenannte Jedermannsrecht auf das Spielen der Ukulele ausdehne und
singe: I'm so lonesome I could cry" - Und ich lese etwas in Nietzsches "Der
Wanderer und sein Schatten". |
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30. Juni: Tanken kann
zum Problem werden. Die meisten Tankstellen haben Kartenautomaten, also keine
Barzahlung. Meine
Sparkassenkarte wird nicht akzeptiert.
Endlich finde ich eine Tankstelle mit Barzahlung, nicht ganz mit dem
letzten Tropfen, aber 900 Kilometer ohne Tanken ist nahe dran für
meinen Clio. Ich suche nach einem
Jedermannsplatz vor Stockholm. Da es noch früh am Abend ist, entscheide
ich mich doch, in die Hauptstadt zu fahren, ein folgenschwerer Entschluss. Nach bisher stressfreier Fahrt gelange ich 20 Km vor Stockholm in zwei
langes Staus, der erste wegen eines Unfalls, der zweite löst sich nach
10 km mitten in einer Baustelle
auf, ohne dass ein Grund ersichtlich wäre. Ich komme etwa 20 Uhr in
Stockholm an und versuche das alte Segelschiff zu finden, wo ich bereits
vor 15 Jahren einmal übernachtete. Es scheint jetzt ein Nobelcafe zu
sein. Also spiele ich mit dem Gedanken, nach einer kurzen Stadtrundfahrt
wieder Richtung Küste zu starten. Dann entdecke ich in einem Gebäude
die Rezeption der Jugendherberge und checke dort ein... |
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1. Juli: Nach fast
einer Woche Sonnenschein bewölkt es sich etwas. Aus irgendeinem
Grund macht meine Kamera seit gestern Abend keine Fotos mehr. Wenigstens filmt die
Kamera noch. Die Ähnlichkeit oder
Verwandtschaft des Schwedischen mit dem Deutschen erkennt man auf vielen
Schildern, etwa "alla daga öppet". Lesen und ahnen, was das heißt,
kann man gut, nur die Aussprache ist schwierig und kaum
verständlich. |
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2. Juli: Mein
nächtlicher Ausflug ist etwas intensiver, das musikalische Nachtleben
von Stockholm hat es in sich. Straßenmusiker/innen: eine
ungarische Sängerin, Andrea, singt Zigeuner- und Wiegnelieder. Ich muss
die schwarzhaarige Schönheit auf ein Gläschen einladen. Sie führt
mich etwas herum, macht mich mit anderen Musikern bekannt. Ein schwedisches
Gitarre-Mandoline-Duo, Umami, ein bissel wie Garcia & Grissman. Im Irish
Pubs eine fetzige Rock'n'Roll Band. Andrea zieht Tee vor, doch in einem
Pub gibt es alles außer Tee... Gleich um die
Ecke Blues vom Feinsten. Der Sänger klingt etwas wie Jim Morrison,
spielt Gitarre wie Steve Ray Vaughan - und sieht aus wie ein alter Wikinger,
sein sehr langes verfilztes blondes Haar ist in Höhe seiner Kniekehlen
zu einem Knoten gebunden. |
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5. Juli: Gegen 4 in der Frühe ist es taghell, Möwen kreischen über meinem Zelt, ich versuche wieder einzuschlafen, doch die Vogelwelt ist gnadenlos - gegen 5 breche ich nach Oslo auf, die Landstraßen sind leer, ich komme gegen 10 in der Stadt an, frage mich durch. Die Frauen, die sich in mein Wagenfenster lehnen, hinterlassen den Duft eines Parfümladens, aber ich finde das am Stadtrand befindliche Haroldshem, eine sehr komfortable Jugendherberge. Auf dem Weg in die City bevorzuge ich die Metro, muss mich durchfragen, aber drei Einheimische weichen mir aus, bevor mir eine junge Frau den Weg erklärt und mich begleitet. Ich besuche die Akerhuset-Festung, wo Pärchen den Ausblick über den Hafen genießen, mach ein paar Schnappschüsse vom lauschigen Treiben, was einem Touristen missfällt, der seine Frau für die schönste der Welt hält und deshalb Streit sucht. Im Hafen gehe ich auf ein gemütliches Restaurantboot. Ich erkunde die norwegischen Preise: ein Bier = 620 Kronen - ähnlich wie in Stockholm, etwa 8 Euro. Die Schachtel Zigaretten 780 Kr = 10 Euro... Dagegen ist Deutschland ein Entwicklungsland Ich habe etwas Schlaf nachzuholen und verzichte daher auf das Nachtleben, lerne in meinem Zimmer einen Kosovaner kennen, der hier Arbeit sucht. Die Verdienstmöglichkeiten sind entsprechend den Preisen, etwa 3000 Euro für Hilfsarbeit sind der Durchschnitt. Da lohnt sich die Anfahrt. 6. Juli: Norin aus Holland (ursprünglich Kosovo) ist mein Zimmergenosse, er will ein Auto kaufen, um damit auf Jobsuche zu gehen, ich fahre ihn zu einer der Adressen, wir verfahren uns in der Stadt und landen in einem schier endlos langen Tunnel unter dem Oslo Fjord, wo es einen Stau gibt, sehr warm, sehr laut, sehr beklemmend - was das Sprichwort "Licht am Ende des Tunnels" bedeutet, wird hier sehr anschaulich. Die Suche nach einem Auto für Norin ist erfolglos, wir besuchen die Kon-Tiki-Ausstellung auf der großen Museumsinsel. Abends lerne ich noch einen alten Holländer kennen, der will zu einem großen Oldtimer treffen, kennt sich aber auch bestens mit Geschichte und Kultur der Lappen im Norden Skandinaviens aus, wir sitzen bis weit nach Mitternacht vor dem Hostel. Zwei weitere Zimmergenossen (Japan und Malaisia) liegen in ihren Betten, einer schnarcht, der andere piepst noch auf seinem iPhone - ob nachts, morgens oder wann immer man aufs Zimmer kommt, er liegt in seinem Bett und piepst vor sich hin...
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7. Juli: Fahrt nach
Kongsberg zum Jazz Festival
Das erste, was ich in der Kleinstadt entdecke,
ist ein Stand mit Ukulelen - und der Verkäufer spielt sie auch,. Beim
ersten Spaziergang durch die Kleinstadt weitere
Ukulelisierungshinweise, eine junge Frau mit Baby trägt eine Tasche,
die nur eine Ukulele beinhalten kann, ein ältere Mann im Publikum spielt
kurz nach einem Konzert der Synthetics, eine University Bigband aus Birmingham,
USA, danach eine einheimische Jazzband aus Kindern zwischen 8 und etwa 11,
sehr beeindruckend! Abends in einer Gartenkneipe bei der Blueslegende Louisiana
Red. Der alte Mann hat Mühe zu stehen, singt und spielt auf seiner E-Gitarre
aber noch immer wild, und das Publikum lässt
sich begeistern. Natürlich gibt es nach jedem zweiten Titel einen
Hinweis auf die CD, und seine Frau startet nach der Show den Verkauf.
Es ergibt sich, dass ich neben dem Altmeister zum Sitzen komme, er fragt
mich nach dem Inhalt des blauen Köfferchens, das ich dabei habe
Also gebe ich ihm eine kleine Lektion "Ukulele Blues"
Er versucht es,
aber seine Frau drängt ihn zu Disziplin - und der alte Mann, dessen
Blues eben noch Souverän über den weiblichen Teil der Welt war,
ist hörig wie ein braves Hündchen
Sie ist der Boss. |
Louisiana Red, eine
lebende Blueslegende, erhält eine Lektion Blues auf Ukulele... Er will,
aber seine Frau ist der Boss... |
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9. Juli. Die E 134 führt durch die Provinz Telemark und durch den "Hardangervidaa
Nasionalpark" - hier beginnt ein erstes Bilderbuch-Norwegen, ein See nach
dem anderen und Wald, Wald Wald - Norwegian Woods, dann geht es
bergan in ein alpines Gebirge mit Schnee auf den Gipfeln, die höchsten
sind zwar nur 1200 Meter, aber das kühle Klima macht es möglich. Ein Wasserfall folgt dem anderen,
ein paar Kilometer vor der kleinen Stadt Odda gibt es einen großen,
den ein Fells in der Mitte teilt, ein Parkplatz und eine Souvenirbude. Von
Odda führt en 12 km langer Tunnel unter dem Bergmassiv hindurch zu den
Fjorden der Westküste, vor Laffalstrand ein noch größerer
Wasserfall , weiter mit der Fähre nach Giermundshaven
auf die Insel Tysnesoy. Im kleinen Städtchen Väga ist gerade das
Tysnesoy Festival, ein paar Karussells, Fressbuden und Konservenmusik, der
Jahrmarkt für die abgeschiedene Gegend, dann Richtung Reksteren
über kleine Brücken. |
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12. Juli: Bergen
heißt Bergen, denn es liegt zwischen den Bergen, um genau zu sein:
sieben - das kling nach Märchen, aber in Wahrheit ist die ganze Landschaft
an der Westküste bergig, das sieht man besonders gut bei einer Tour
mit der "Floibanen", die in gleicher Bauweise wie die Dresdner Standseilbahn
einen steilen Berg (Floifjel) hinauffährt, auf halber Strecke weichen
sich die beiden Wagons aus, 1908 gebaut, aber mit Stationen und Wagons. Die
ganze Stadt, vor etwa tausend Jahren gegründet, ist ein lebendiges
Wechselspiel zwischen modern und historisch. Die im Mittelalter, etwa im
13. Jahrhundert von Hanseaten gegründete Hafensiedlung hieß bis
1945 Tyske Bryggen (Deutsche Brücke), jetzt nur noch Bryggen, und ist
der touristische Magnet Nummer eins. Die teils windschiefen Holzhäuser
wurden nach diversen Bränden im 17. Jahrhundert neu errichtet, beherbergen
vor allem Restaurants und Souvenirläden, in einigen Höfen blüht
aber noch immer altes Handwerk - und die Plastikmülltonne steht ungeniert
neben der jahrhundertealten Eichenholztür. Bergens Lage an der norwegischen
Nordseeküste und der Golfstrom machen es zur regenreichsten Stadt Europas.
Ein Witz geht wie folgt: Ein Reisender kommt nach Bergen und fragt einen
einheimischen Jungen, ob es hier jeden Tag regne. Das Kind antwortet: Ich
weiß es nicht, aber ich bin erst 12 Jahre alt! - Statistisch gesehen
regnet es an 350 Tagen im Jahr mindestens einmal, nur ganze 14 Tage im Jahr
ist die Stadt demnach ohne Regen. Mein Anreisetag scheint so ein seltener
Tag gewesen zu sein! Am nächsten Morgen muss es geregnet haben, die
Erde ist nass und Nebel kriecht die waldigen und felsigen Berge hinauf.
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![]() Tyske Bryggen (Deutsche Brücke) - hanseatische Siedlung aus dem Mittelalter im Hafen von Bergen ![]() Abendlicher Blick vom Floifjel über den Hafen von Bergen ![]() Sonnenuntergang über Bergen |
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14. Juli: Richtung Norden geht es teils durch Hochgebirgslandschaften - Schnee auf
dem Gipfeln - um riesige Fjorde
herum, dreimal mit der Fähre hinüber, durch ungezählte Tunnel
hindurch nach Alesund an der Nordseeküste, wo ich am Abend ankomme.
Im Hafen der beschaulichen Stadt tummelt sich das Leben, schwer einen Platz
auf einer Bank zu bekommen, um all das flanierende Blond zu bewundern. Die
kleine Stadt, von etlichen auf Inseln und Halbinseln gelegenen "Vororten"
umgeben, brannte 1904 fast komplett ab und wurde umgehend im damals angesagten
Jugendstil wiedererrichtet - das macht sie heute zu einer Perle an Norwegens
Westküste. Zum Sonnenuntergang sitz man entweder auf der Hafenpromenade
oder steigt steil den mitten in der Stadt liegenden, etwa 100 Meter hohen
Berg hinauf. Man kann auch beides tun, denn die Sonnenuntergänge dauern
ewig. Glaubt es oder nicht, ich war auch oben! Und dann noch mal in den
Hafengassen. Vor 23 Uhr kann man noch von Abendsonne reden, nur ein paar
bergige Inseln und Kliffs verdecken gegen Mitternacht die Sonnenscheibe,
man kanndieZeitung lesen, die ganze "Nacht" hindurch glüht der Himmel
im Norden orange. |
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15. Juli: Die Fähre
über den Moldefjord legt gerade ab, als ich im Hafen ankomme - eine
Minute eher hätte ich sie geschafft.. Ein paar Regentropfen während
der Fahrt sind die ersten, die meinen von bereits 4000 Kilometern angestaubten
Renault etwas waschen. Auch nach etlichen Fjordüberquerungen ist der
Anblick schneebedeckter Gipfel immer wieder beeindruckend. Nachmittags erreiche
ich Trondheim, einiges wärmer als an der Küste von Alesund, aber
trübe, gegen Abend regnet es sich ein. Touristischer Höhepunkt
der sonst eher gräulich wirkenden Industriestadt ist der Nidaros-Dom,
wo seit dem 11. Jahrhundert die Norwegens Könige gekrönt werden
- bis heute. Eine Ecke weiter die nördlichste Synagoge der Welt, haus
an Haus mit Heilsarmee und anderen christlichen Gemeinden. Gegen23 Uhrscheint
wieder die Sonne... |
![]() Tunnel oder Fähre - die Fjorde sind unzählbar und meistens unumgäglich ![]() Nidaros-Dom in Trondheim - in dieser Kathedrale werden bis heute Norwegens Könige gekrönt, Grundsteinlegung im 11. Jahrhundert |
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16. Juli: Nach langer
Fahrt (ca 700 km) durch unterschiedlichste Berglandschaft - von lieblichen
Hügeln bis in alpine Berge - und dem Überqueren des Polarkreises, Schnee - finde ich
einen Rastplatz Skierstadfjord, 20 km vor dem Hafenstädtchen Fauste.
Ein Dutzend Wohnmobile parken bereits im Halbkreis am Ufer. Langsam verkriecht sich jeder
in seine Wagenburg, die Jalousien werden dicht gemacht, aber ein gelegentlicher
Blick durch die Frontscheibe signalisiert Wachsamkeit. Selbst
im Zelt kann ich um Mitternacht noch ohne Taschenlampe lesen!
Stimmengewirr. Jemand behauptet, Besitzer des Parkplatzes zu
sein und verlangt 100 Kronen pro Fahrzeug - mit wenig oder ohne Erfolg. Gegen vier lugen die ersten Sonnenstrahlen durch
die Gipfel und eine Schar Möwen kreischt über das Fjord. Es hat
sich auf 10 Grad abgekühlt und der Wind pfeift weiter durchs Tal, ziemlich
frisch. Die Möwen werden von Elstern abgelöst. An Schlaf ist nicht
mehr zu denken. Ich packe und
fahre weiter. Ein Paar Füchse quert gemächlich die
Straße. Ich bin nicht der einzige Frühaufsteher. Bei Fauske schlendert
ein vergnügtes junges Pärchen die Straße entlang. Halb nackt
sitzt ein anderes auf seinem Balkon mit Blick übers Fjord, ein
Rollbrett-Skater fliegt über den Asphalt. Ein weitere junges Pärchen
flaniert die Hafenpromenade entlang. Es ist fünf Uhr - und der eben
noch schattige Parkplatz wird von Licht überflutet. |
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17. Juli: Weiter an Fjorden entlang die E6 bis zum
Abzweig nach Skutvik, die Landschaft ist unbeschreiblich reizvoll
Ich
komme gerade recht zur Abfahrt der Fähre zu den Lovoten-Inseln. Die Überfahrt nach Svolvaer (zwei Stunden mit kurzem
Zwischenstopp auf einer kleinen Insel) ist atemberaubend, ich spüre
geradezu die Endorphinausschüttung! Zackige, bizarre
Felsen, recht warm, schwer vorstellbar, dass man sich drei Breitengrade
über dem Polarkreis befindet (68,5). Ein elektronisches Thermometer
in der Stadt zeiget 22 Grad, in der Sonne fühlt man sich wie am Mittelmeer. Das Viking Museum bei Borg ein paar alte Steine aus dem 5. Jahrhundert archäologische Fundstelle, dazu ein Vikinger Disney Land mit kostümierten Wikingerbräuten - die Zöpfe und Brüste sehen echt aus - ein nachgebautes Häuptlingshaus - und ein nachgebautes Wikingerschiff, zu dem man eine Stunde laufen muss, für 120 Kornen (15 Euro, die man wohl sparen kann)... |
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18. Juli: Es beginnt es zu regnen. Es fängt
mit ein paar Tropfen auf der Frontscheibe an - und regnet sich schließlich
ein. Nach zehnstündiger Fahrt durchs Nass glänzt das Auto besser
als nach der feinsten Waschanlage. Mit zwei kleinen Zwischenstopps - Nickerchen
im Fahrersitz - kommt der große Brückenbogen von Tromsö in
Sicht - "Paris der Nordens" nennt es die
veraltete Ausgabe von "Anders Reisen - Norwegen" (1995). Nicht ein Hauch
von Paris, das "Tromsö Vandrerhjem" und die im Reiseführer angegebene
Adresse kennt niemand. Ich frage in der Tankstelle, frage im Irish Pub, erhalte den Hinweis,
dass die Straße dahin gesperrt sei, weshalb man mir den Weg schwer erklären könne. Es sei etwas außerhalb,
irgendwo am Berg. Ich fahre der Nase nach, durch die gesperrte Straße. Niemand kennt das Hostel,
dann steigt jemand ein und weist mir den Weg zum
Studentenwohnheim. Aber es steht tatsächlich International Youth Hostel"
und "Tromsö Vandrerhjem" dran. Ein schäbiger Betonklotz. Aber "sorry",
das erste Mal eine Jugendherberge ohne Internet!
Wo bin ich hier gelandet? Im "Paris des Nordens"? Immerhin, das letzte Bett. Gleich neben
meinen Zimmer ein Balkon - zum Rauchen, mit Blick auf das eingenebelte Balsfjord. In der Küche kann ich mal richtig kochen - Reis mit
Konservenmais und -pfifferlingen. Im "Foyer" machen es sich Amerikaner bequem, die Füße auf dem Sofatisch. Was
werden die Inder davon halten?
Die Schuhe auf dem Tisch! Kein Wunder, dass Al Quaida nun auch Oslo nicht
mehr verschont. Just an den beiden Tagen, als ich dort war, muss es da irgendwo
geknallt habe.- seit zwei Wochen das erste Nachrichtenthema in Norwegen.
In der Küche komme ich mit den Indern ins Gespräch, erzähle
von meiner 1994er Reise, esse endlich mal wieder richtig indisch! Es
habe sich viel verändert in diesen 15 Jahren, behaupten die jungen
Männer, die in Schweden Biologie studieren. Auch mit den Amis komme ich auch ins Plaudern. Inzwischen hat sich meine Ukulele
herumgesprochen. Ich kündige ein Ständchen an, und die gesamte
internationale Belegung versammelt sich. Ein älterer Nigerianer, mit dem ich das Zimmer teile, schnarcht wie ein Bär, wacht auf, läuft umher - und schnarcht
sogar im Gehen! Ich versuche draußen
auf dem Foyersofa Ruhe zu finden. |
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20. Juli: Ich wache
gegen 8 Uhr auf. So tief und so lange habe ich
selten geschlafen, seit ich unterwegs bin. Nebel zieht übers Kap, keine
Sicht, sehr windig, die Autotür klappt von selbst zu, wenn man sie nicht
festhält. Zurück nach Honningsvag, der nächsten kleinen
Hafenstadt. Ich erkundige mich nach einer Fähre, die mich nach
Nordkinnhalöya übersetzen könnte, denn dort ist der
zweitnördlichste Ort Europas, sicher mit weniger Andrang. Ich halte
mit auf einer Kreuzung, ein Einheimischer hält an, wir kommen ins Plaudern
über die Lebensweise in diesem Winkel der Welt, stellen die Motoren
ab. Er ist Lehrer an der Schule, es gibt auch Deutsch, deshalb schenke ich
ihm meine CDs. Er empfiehlt mir die zweistündige Überfahrt wegen
des landschaftlichen Reizes. Es kam kein anderes Auto über die Kreuzung
in der Viertelstunde. Ich fahre zum Hafen, buche die Überfahrt für
600 Kronen. Das Schiff geht zwar erst nachmittags (15.15), in der Zeit
hätte ich auch das Fjord umfahren können, das wäre allerdings
auch eine halbe Tankfüllung gewesen. Das kleine Schiff erweist sich
als Kreuzfahrtschiff, MS Kong Harold. 17.30 Landung in Kjullefjord, dann 25 km durch steinige Berglandschaft
bis Mehamn, der nächste Haven, wo auch das Kreuzfahrtschiff anlegen
wird. Die Jugendherberge ist leider ausgebucht, weiter nach Gramvik, die
nördlichste Ortschaft Europas, hier gibt es immerhin ein Gästehaus, das Bett für
700 Kronen (85 ) ist mir zu teuer. Eine Schotterstraße führt zum nördlichsten
Festlandleuchtturm der Welt, zwischendurch Hunderte von Rentieren, die Samen
haben sie domestiziert, manche haben eine Nummer am Ohr, am Ende der Straße
beginnt ein Wanderweg durch arktische Tier- und Pflanzenwelt. Die Temperaturen
sind ebenfalls arktisch, bei 6 Grad baue ich mein Zelt gar nicht
erst auf, auch gibt es immer wieder
Regenschauer. Außer
mir fanden noch einige Wohnmobile den Weg in diese abgeschiedene Ecke, der
Norden des Nordens! Aber warum leben Menschen dauerhaft in diesem rauen Klima,
in einer bemosten Steinwüste? |
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21. Juli: Der Alptraum
jedes skandinavischen Autofahrers - nach einer langen Kurve oder Steigung plötzlich
ein Elch mitten auf der Straße - blieb aus! Nicht ganz, zwei Elchdamen
begrüßen mich in aller Herrgottsfrühe, etwa um drei im ersten
Fjord, das ich nach einer Fahrt durch die bergische Steinwüsten passiere.
Sie haben kein Geweih, daraus folgere ich, dass es Elchkühe sind, von
der Größe und Farbe kommt es hin. Schnell verschwinden sie im
Gestrüpp, für ein Foto zu spät. Ich fahre nach einer Weile
noch mal zurück, erwische sie mit laufender Kamera, aber sehr verwackelt.
Dann auch noch die Herren, wenngleich nur aus großer Entfernung, denn
sie sind sehr scheu, auf einer Sandbank des norwegisch-finnischen Grenzflusses.
Mit dem Fernglas kann ich die Größe erkennen, vor allem das typische
schaufelartige Elchgeweih. Nach einem Schild, das vor 80 Km Elchgefahr warnt,
ist das wohl das mindesteste
. |
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22. Juli: Nach der Grenze
zu Finnland folgt eine weite Sumpf- und heideartige Landschaft. Besonders
reizvoll sind die kleinen Teiche, von Schilf umrundet, mittendrin eine Miniinsel
und darauf ein Bäumchen und zwei Sträucher. zwischen großen
Steinen suchen sie Halt - die Natur spielt Gärtner. Fast 100 Kilometer
bis zum nächsten Ort, wo ich Mittag essen möchte, aber kein Wort
aus dem Angebot verstehe. Finnisch ist eine so fremde Sprache, da gibt es
keine Ähnlichkeiten, manchmal klingt es etwas wie ungarisch - und damit
ist es ja etwas verwandt, die finurgrische Sprache ist der Exot in Europa.
Englisch wird nur rudimentär verstanden und gesprochen, da hilft nur
noch Gestik. Dann beginnt es zu regnen, später geht es in Wolkenbrüche
über, hört kurz auf, und fängt von vorne an - bis in die Nacht
nur Regen. Gegen Mitternacht halte ich an einem Imbiss und plaudere etwas
mit der Verkäuferin. Sie empfiehlt mir einen Campingplatz bei Oulu,
230 km weiter. Was macht man bei Regen? Man fährt und fährt und
fährt, die ganze Nacht hindurch - in der Hoffnung, irgendwo werde es
schon aufhören. Das tut es dann auch, dort parke ich und "schlafe" im
Auto, denn der Wind pfeift
keine Chance für das Zelt. |
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23. Juli: Ich bleibe
in den Bergen an der Ostgrenze, bei Russland, ein älteres Hallenser
Pärchen, das ich in Norwegen traf, hatte mir dazu geraten - die Küste
sei langweilig. Die Berge sind hier - nach Norwegen und überhaupt -
nicht sonderlich spektakulär. Es regnet,da hat die schönste Landschaft
wenig Reize. Doch eines Morgens, in ein paar sonnigen Momenten, entdecke
ich an der durch Karelia führenden E 63 eine wunderliche Ansammlung
von bunt gekleideten Vogelscheuchen, eine Installation des finnischen
Künstler Reijo Kela. |
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24. Juli: Meistens ist
es am besten, der eigenen Intuition zu folgen anstatt den Empfehlungen anderer
Reisenden oder Imbissbudenverkäuferinnen zu folgen (siehe Vortage).
Zu Mittag halte ichan einer Raststätte wenige Kilometer vor Vaasa, eine
Hafenstadt wie Uolu und mein ursprüngliches Ziel des heutigen
Streckenabschnittes, entdecke die ausliegenden Informationsblätter für
Touristen und da wird das Schärengebiet Kvarken, nordwestlich von Vaasa,
erwähnt. Obgleich es etwas verschlungene Wege sind, finde ich mein
Zwischenziel sofort und spüre auf dem Weg dahin, dass es damit etwas
Besonderes hat - nennen wir es zunächst pure Landidylle. Als ich ein
kleines Hotel finde und ein preiswertes Zimmer, steht fest, dass ich hier
bleibe. Dann erkundige ich mich nach näherem Infomaterial und siehe
da: Ich bin in Finnlands einzigem Unesco-Naturschutzgebiet. Eigentlich ist
ja ganz Finnland ein Naturpark sonders gleichen, aber hier geht etwas
Merkwürdiges vor. Seit der letzen Eiszeit bilden sich immer wieder neue
Inselchen aus Felsbrocken und steinigen Geröll, welches das Eis hinterlies
- dem Mythos zufolge war es natürlich ein wütender Riese, der all
dies hier verstreute. So bilden sich ständig neue Seen und die nutzen
einzigartige Pflanzen und Vögel als Rückzugsgebiet. Das macht die
gesamte Hauptinsel schützenswert. Außerdem ist Schwedenhaven
(Svediehamn), noch heute nicht viel mehr als ein paar Fischerhütten
und ein Cafe, ein historisches Relikt, seinerzeit die nächste Stelle
für eine Überfahrt nach Schweden, nutzen ihn die Könige und
die Post. Das hab ich nun auch alles gerade erst gelesen und will hier nicht
weiter ins Detail gehen. Eine Wanderung durch das Schutzgebiet, abends in
die Sauna, dann ein Gläschen Weiswein - das entschädigt für
die Strapazen der letzten beiden Tage, die ich fast durchgehend im Auto
verbrachte. Eine schwarzweiße Katze streicht unter meinen Beinen hindurch,
während ich das schreibe - als sei ich schon seit Tagen hier, und ein
diickfelliges Wuschelkneuel folgt ihr gelassen den selben Weg, als wollte
es sagen: den hab' ichschon vor Stunden entdeckt... Will schmusen - und kratzen,
das Biest! |
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25. Juli: Über die Hafenstadt Vaasa am Bottnischen Meerbusen geht es südöstlich in Richtung Helsinki. Es wird warm, man kann bei 25 Grad und Sonnenschein schon von Hitze sprechen, nach den kühlen Wochen im Nord sind es ohnehin gefühlte 30 Grad - ich bin sozusagen wieder in "Südeuropa" angekommen, um genau zu sein, in Jokela, einem Stadtkaff 45 Kilometer vor Helsinki, noch genauer: bei Juha, Journalist und ehemaliger Fernsehproduzent, angehender Bierbrauermeister - und Ukulele-Enthusiast. Er lebte 20 Jahre in Bonn, spricht daher fließendes Deutsch und wir diskutieren bis spät in die Nacht über Finnland und Deutschland, über die eingeschränkte Pressefreiheit, welche unter anderem aus der einstigen Pufferstaat-Rolle Finnlands zur NATO resultiere, daher voller Tabus und sowjetfreundlich, über Bier und die seit 1919 anhaltende Prohibition in Finnland und den anderen - protestantischen - Ländern Skandinaviens, über Nietzsche, Schopenhauer und den Koran - über Gott und die Welt also - und wir spielen zwischendrin immer wieder Ukulele. Juha hat, wie sich bald herausstellt, eine Sammlung von wertvollen Einzelstücken, darunter eine eigenwillig geformte Tenor-Ukulele, das G tief gestimmt, und daher näher zur Gitarre hin klingend, gebaut von Peter Howlett, einem Amerikaner aus Missouri. Juha kennt - sowohl als Journalist wie auch als Organisator diverser Veranstaltungen und Festivals - viele Leute. |
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27. Juli: Ich fahre
in östliche Richtung in das große Seengebiet. Die Temperaturen
steigen auf über 30 Grad und es ist offensichtlich schon lange sehr
trocken. Die Felder wirken fast verbrannt, das Getreide scheint reif für
die Ernte. Abends erlebe ich endlich wieder einen richtigen Sonneuntergang,
das heißt: es wird nicht nur Dämmerlicht wie weiter im Norden,
sondern richtig dunkel - fast wie zuhause. Dabei liegt diese Gegend immer
noch nördlich vom nicht mehr weit entfernten Petersburg, das mit seinen
"weißen Nächten" wirbt. Der östliche Ort meines Ausfluges
ist Imatra, wenige Kilometer vor der russischen Grenze - auf russische Urlauber
sind die hiesigen Campingplätze gut eingestellt. Deutsche Autokennzeichen
sah ich während meines bisherigen (einwöchigen) Aufenthaltes in
Finnland keine. |
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29. Juli: Aus der noch
recht fernen Heimat erreicht mich die Nachricht über den Tod eines Freundes.
Seine Welt war die der Farben, in ungezählten Bildern hielt er das Leben
fest, wie er es sah. Es bleiben seine Bilder - und die Erinnerung an Rainer
Wriecz - Sein letztes
Werk beschreibt er wie folgt: |
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30. Juli: 30 Juli: Zeitig
am Morgen fahren Juha und ich zum Helsinki Bier Festival, er hat einen Stand
dort und ich soll Ukulele spielen. Nach einer ausführlichen
Stadtbesichtigung finde ich mich auf dem Festivalgelände ein, das am
Nachmittag rammelvoll ist. Etwa 7000 Finnen frönen hier einen ganzem
Tag lang ihren neuen Kleinbrauereien, die dem staatlichen Alkoholmonopol,
vor allem dem auf 4,7 % begrenzten Industriebier mittels alter Brautradition
Konkurrenz machen wollen, Bier wird hier verkostet wie in anderen Länder
Wein. Man hellt das Glas gegen das Licht um die Farbe zu prüfen, riecht
die Blume, setzt bedächtig an - und beißt das Bier. Es wird über
Malze, Hefen und Hopfen gefachsimpelt, über Fluch und Segen des deutschen
Reinheitsgebotes, und es wird über die monopolistischen finnischen
Bierbrauer gelästert und geschimpft, die für den Untergang der
einstigen Brautradition stehen. Das ursprünglichste Bier der Finnen
heißt Sahti (sprich Sachti). Meine Ukulele geht in dem Gedrängel
völlig unter - das Motto ist auch: Sehen und gesehen werden. Stolze
männliche Bierbäuche neben eleganten Hauptstädterinnen, blond,
brünett, manchmal pechschwarz gefärbt, nicht wenige sind überaus
pummelig und gehen mit dieser fleischlichen Fülle ebenso selbstbewusst
um, wie die gestandenen Biertrinker der reiferen Jahrgänge.
Großflächige Tätowierungen auf Armen, Beinen und Rücken
gehören zum Erscheinungsbild, etliche Security-Leute - phosphorgrüne
Westen - haben Irokesenfrisuren, ein bunter Haufen Volk auf der Suche nach
einer neuen Bierkultur. Für mich ist der jahrmarktartige Rummel
streckenweise langweilig und ich bin daher sehr froh, dass Juha seinen Stand
beizeiten abräumt. Auf dem Bahnhof gibt es noch eine Stippvisite im
Alco (dem staatlichen Alkladen, wo es gutes Bier für fünf Euro
gibt - die Flasche wohlgemerkt! Der Zug fährt und die Stimmung ist
gelöst, bei Juha, weil er seinen Job hinter sich hat, bei mir, weil
ich endlich dem Gedrängel entkommen bin. Dann kommt der große
Schreck
Ich habe meinen Ukulelenkoffer samt Inhalt im Schalterraum
des Bahnhofes liegen lassen. Wir rufen immer wieder im Fundbüro an,
aber dort ist bis Mitternacht nichts angekommen. Eine solange Reise ohne
jede Panne,das wäre einfachzu schön gewesen. Ich verbringen den
Abend mit Selbstvorwürfen und den üblichen Kausalkonstruktionen:
Hätte ich doch nur... Dabei ist es "nur eine Ukulele"... |
![]() Ein gutes Bild von einem Haufen Fahrräder (Hintergrund) hinzubeommen, ist in Helsinki schwierig. Dauernd rennt einem jemand vor das Motiv... ![]() Dichter oder Denker? Was schert's die Möwe auf dem hehren Kopf... Aller Ruhm verweht im Tagesgeschäft ![]() Hier werden die Rundfahrtbusse zuerst ausgekippt - Klassizistische Dom-Kathedrale von Helsinki ![]() Obst und Gemüse jeder Art - im Hafen von Helsinki steht ein Stand neben dem anderen: ![]() So viel Finnisch verstehe ich auch schon - hier gibt es Ukulelen und alles was sonst das Ohr erfreut. |
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31. Juli: Die Fähre
nach Tallin geht 8.30 Uhr. Von Lokela bis Helsinki fährt man
etwas länger als eine halbe Sunde und muss mit etwas Großstadtverkehr
rechnen. Außerdem fahren wir noch zum Bahnhof, eine letzte Chance,
meine Ukulele zu finden. Machen wir es kurz, meine Hoffnung hält bis
zuletzt. Ich spreche während der Fahrt nur vom Abholen! Die Schalterfrau
verschwindet zielsicher hinter einer Zwischenwand - und als sie wieder auftaucht,
hat sie den blauen Koffer in der Hand. Ich verabschiede mich am Hafen von
Juha und checke auf der Superstar ein, eine Fähre, die den Namen allein
der Größe wegen verdient. Ich dachte, ich sei inzwischen auf
Riesenschiffen gewesen, aber die Superstar ist wahrlich eine schwimmende
Stadt. Es hat sich abgekühlt, letzte Nacht geregnet, und auf dem
Außendeck pfeift ein Wind, der einen von den Planken fegen kann. Mann
muss sich festhalten, besser wieder nach innen, an einer langen, langen Schlange
zum Frühstück anstellen. Auf hoher See schlingert der "Kahn" -
er rockt und rollt, wie es in der Seefahrersprache hieß. Dabei zu laufen
oder stehen ist nicht ganz ohne, erst recht, wenn man mal dahin muss, wo
man gelegentlich mal hin muss. |
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1. August: Nach dem
Ausschlafen eines kleinen Katers - der Vortag war 20 Stunden lang und endete
mit Benz-Abwrackung, Grillparty, Sauna und etlichem Alus (Bier) - mache ich
mich am späten Nachmittag in die Spur Richtung Klaipeda (Memel), von
dort mit der Fähre auf die Kurische Nehrung und nach Nida (Nidden),
das einstige Künstlerdorf Ostpreußens, wo ich in der schönsten
Abenddämmerung ankomme und ein Zimmer finde - noch etwas "unfinished",
wie man hier im Baltikum zu Dauerprovisorien sagt... Ein paar Kompromisse
muss man für eine bezahlbare Unterkunft schon machen. Und wenn es die
kleinen Tierchen sind, die du weder siehst noch hörst
Sie sehen
und hören dich! Das reicht, dann beißen sie dich drei, vier Mal
nebeneinander. Jetzt weiß ich endlich, weshalb die Wanze
sprichwörtlich wurde - was "verwanzt" ursprünglich
bedeutet... |
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2.-4. August: Dieses
Nidden ist noch genauso unverschämt schön wie vor zwei Jahren
Es schaut dir in die Augen..., nicht schamlos, aber eben auch nicht
verschämt, also recht un-verschämt
Ich lächele zurück
und bekomme das betörende Zwinkern einer aufblühenden Rose. Und
die Postkartenverkäuferin möchte lieber deutsch als englisch mit
mir sprechen. Ich kaufe jeden Tag die gleiche Postkarte. Falls jemand eine
erhalten hat, so verdankt sich dies allein dem Scharm litauischer
Marktwirtschaft... Auf der Promenade am Kurischen Haff spazieren die baltischen
Grazien, radeln, skaten, schlendern im sommerlichsten Kleidchen an dir
vorüber. Und am Ostseestrand räkeln sich die Nudisten hemmungslos
im Sand - Man(n) möchte 30 Jahre jünger sein, um der Parade
schöner Mädchen altersgemäß begegnen zu können
- oder einem Mönchsorden beitreten. Letzteres ist weniger
wünschenswert, ersteres leider unmöglich. Und wenn ich Mädchen
sage, dann meine ich Teenagerinnen. Doch auch und besonders die reiferen
Semester haben und zeigen ihre Reize. Neben diesen weiblichen Augenweiden
bietet das heutige Nida natürlich auch politisch korrekte
Sehenswürdigkeiten, als da wären: die große Wanderdüne,
die samt der Kurischen Nehrung seit 2000 unter Unesco-Welterbeschutz steht,
einst als Postweg wie als Marschpfad für napoleonische und zaristische
Truppen genutzt, während der Sowjetherrschaft ein militärisches
Sperrgebiet, das nunmehr an die russische Enklave Kaliningrad, das einstige
Königsberg, grenzt; das Thomo Mano Haus, welches sich der 1930 frisch
gekürte Literaturnobelpreisinhaber im Stil der historischen
Fischerhäuser bauen lies; das kleine Museum des kunstfreundlichen
Schankwirtes Blode, der den Königsberger Malereistudenten Unterkunft
gegen Bilder bot, heute dokumentiert die Ausstellung die Geschichte des
ostpreußischen Künstlerdorfes, wo Dr. Freud Erholung von seinen
Patienten suchte; eine lutherische Kirche mit gelegentlichen Barockkonzerten;
einen Friedhof mit den Grabmälern einstiger Künstlerprominenz nebst
Grabsteinen aus heidnischen Zeiten;- kurz: genug Historie, um Postkarten
und Bernsteine an überwiegend einheimische, aber auch zahlreiche deutsche
und russische Urlauber zu verhökern. Abgesehen von den
Unterkünftspreisen noch immer ein bezahlbares, von Ballermann und Co
verschontes Urlaubsparadies. Meine einstige Lieblingskellnerin Inga ist nicht
mehr hier, die Gemüseverkäuferin, die damals ahnungslos bewirkte,
dass ich eine einzelne Tomate kaufe und sogar noch aß, ist auch nicht
mehr hier, die Musiker sind auch nicht mehr die selben. Das Personal wechselt
von Saison zu Saison, doch die Kurenwimpel bleiben, jene kunsthandwerklichen
Bootskennzeichen der traditionellen Fischerkähne. |
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5. August: Um 6 morgens
wollte ich in Nida starten, doch das abendliche Lagerfeuer lässt mich
bis 8 schlafen, um 9 bin ich endlich startbereit. Zurück nach Klaipeda,
über Kaunas Richtung Villnius, da ich - wie vor zwei Jahren - in Trakay
beim russischen Bauern übernachten will, nahe der alten Ritterburg,
die den Ort zur Touriattraktion macht. Auf halbem Weg überlege ich es
mir anders, verlasse die Autobahn, versuche querfeldein Richtung Grenze
abzukürzen, verfahre mich in endlosen Schotterstraßen und bin
abends gegen 9, nach etwa 12 Stunden Fahrt, in Warschau, einer imposant modernen
Großstadt mit historischen Vierteln, wo natürlich kein erlaubter
Parkplatz zu finden ist. ich riskiere es dennoch für einen kleinen Bummel
durch die lebhaften Gassen. Hier - und um diese Zeit noch - eine Herberge
zu finden, wird ebenso schwierig. Ich bin putzmunter, also fahre ich weiter,
irgendwo außerhalb wird sich ein Quartier oder ein Fleckchen im Wald
finden. Ich verfahre mich hoffnungslos. Mein intuitives Navigationssystem
hat mich dennoch Richtung Krakau geschickt, dort komme ich - nach 17 Stunden
Fahrt und einer Schachtel Zigaretten - nachts gegen 2 an... Die längste
Strecke in einem Stück - mehr als 1100 km an einem Tag - liegt hinter
mir und eine quicklebendige Krakauer Altstadt empfängt mich... |
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6. August: Nach einer
Nacht im Auto absolviere ich eine kurze Besichtung der historischen
Altstadt von Krakau. Ich bin das dritte Mal hier, einmal mit Transitvisum,
illegal auf der Rückreise von Nowosibirsk im Sommer 1989. Spätestens
da wurde klar, dass die Tage von Mauer und Stacheldraht gezählt waren. Das zweite Mal im Sommer 2000, damals saß ich mit der
Ukulele am Straßenrand, weniger um den Straßenmusikern Konkurrenz
zu machen - gegen Trompeten und Akkordeons hätte ich eh keine Chance
gehabt. Ich klimperte einfach für mich und vor mir selbst hin, dabei
entstand eine Melodie. Eine alte Polin blieb stehen, lauschte
ein Weilchen und legte mir fünf Zloty auf den Ukenkoffer. Ich war sehr überrascht über die unverhoffte, großzügige Spende, nannte das Instrumentalstück später 5 Zloty Rag. Nun, beim dritten Mal, spielte ich das Stück nur für mich, gleich im Auto - als Morgensport.
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7. August: Die erste
Nacht im eigenen Bett, nach über 12 Tausend Kiliometern on the road, durch sieben Länder - mit sieben
verschiedenen Sprachen und sieben verschiedenen Währungen. 2011 zog es mich nach Großbritannien, bis auf eine der nördlichsten Inseln Schottlands. |
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